Kita Austausch International

Vom Vorlesehund und dem Blick auf das Gute

Vom Vorlesehund und dem Blick auf das Gute

Erfahrungsbericht Austausch Hamburg-Orivesi

Anna Hauschild (Kita Elb-Arche Haseldorf) hat im November 2025 mit einer Kollegin aus der Kita Christianskirche für zwei Wochen in Orivesi, Finnland, hospitiert. Hier folgt ihr Bericht.

„Was hat das eigentlich alles mit einem Kita-Austausch zu tun?“ – Diese Frage haben wir uns zu Beginn unserer Reise selbst gestellt. Wir, Hannah und Anna, durften für zwei Wochen unseren gewohnten Kita-Alltag verlassen und in das finnische Orivesi reisen, wo wir mit offenen Armen empfangen wurden. In der ersten Woche hatten wir die Chance, verschiedenste Einrichtungen kennenzulernen, unterschiedliche Arbeitsweisen zu hinterfragen und wertvolle Ideen für unsere eigene Arbeit mitzunehmen.

Ein besonders prägendes Erlebnis wartete in einer örtlichen Grundschule auf uns. Während des Unterrichts beobachteten wir, wie einzelne Kinder von einer weiteren Lehrkraft abgeholt wurden, um „zum Lesen“ zu gehen. Neugierig fragten wir uns, was sich dahinter verbirgt, und durften schließlich selbst einen Blick in den gemütlich eingerichteten Nebenraum werfen. Dort wartete kein strenger Lehrer, sondern eine kleine, süße Hundedame auf ihre ganz persönliche Vorlesestunde. Mit einer unglaublichen Gelassenheit begrüßte sie jedes Kind. In diesem geschützten Raum geht es jedoch um viel mehr als nur um das Tier: Den Kindern wird ein wertfreier Ort gegeben, um Hemmungen und Ängste vor dem Lautlesen abzubauen. Die Hundedame wertet nicht – sie hört einfach nur zu, egal wie leise, laut oder langsam ein Kind liest. Diese entspannte Atmosphäre beruhigt die Kinder und stärkt durch die positive Rückmeldung des Hundes nachhaltig ihr Selbstbewusstsein.
 

Diese wertschätzende Grundhaltung begegnete uns auch in der finnischen Lehrmethode „See the Good“. Diese basiert auf der Positiven Pädagogik und nutzt digitale Tools sowie haptische Materialien, um soziale Kompetenzen und das Wohlbefinden zu fördern. In einem Klassenzimmer entdeckten wir einen schön gestalteten Stuhl vor einer Sonnen-Pinnwand – den sogenannten Geburtstagsstuhl. Hier darf das Geburtstagskind Platz nehmen und wird mit einem „warmen Wörterregen“ beglückt. Mitschüler und Lehrer benennen dabei ganz gezielt besondere Stärken des Kindes, wie etwa: „Du kannst besonders gut zuhören“ oder „Mit dir kann man großartig Fußball spielen“. Es war beeindruckend zu sehen, wie detailliert und vielfältig die Kinder bereits nach vier Monaten Training Worte für ihre Mitmenschen fanden. Diese Methode symbolisiert jedem Kind, wie wertvoll es für die gesamte Gruppe ist.

Mit diesen tiefen Eindrücken im Gepäck verbrachten wir unsere zweite Woche in einer Kita in Orivesi. Trotz der Sprachbarriere war der Austausch mit den Kindern und den Mitarbeitern von einer herzlichen Offenheit geprägt. Die meisten Kinder hatten kein Problem damit, dass wir ihre Sprache nicht sprachen; sie zeigten uns einfach, was sie spielten, wollten oder erzählten munter darauf los. Auch ohne den genauen Inhalt zu verstehen, bekamen wir durch Mimik und Gestik ein feines Gespür dafür, ob es sich um eine fröhliche Erzählung, eine Frage oder eine kleine Beschwerde handelte. Diese Woche war geprägt von einem intensiven Austausch über Arbeitsweisen und pädagogische Ansätze. Die Zeit in Finnland war für uns beide eine unglaublich wertvolle Erfahrung, die wir so schnell nicht vergessen werden und die unseren Blick auf die Stärken jedes einzelnen Kindes nachhaltig geschärft hat.

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