Neuigkeiten: August 2026

Interview zum Verius-Fonds

Interview zum Verius-Fonds

In den vergangenen Wochen haben lokale und überregionale Medien über Verluste des sogenannten Verius-Immobilienfonds berichtet – und dabei auch unseren Kirchenkreis als einen der Anleger genannt.

In der öffentlichen Berichterstattung wurde der Vorgang teilweise verkürzt dargestellt. Wir möchten Sie an dieser Stelle transparent über die im Jahr 2023 abgeschriebene Geldanlage des Kirchenkreises informieren.

Es folgt ein Gespräch mit Propst Frie Bräsen, Kristin Schrömges, Geschäftsführerin des Geschäftsbereichs Finanzen, und Jan-Peter Haak, Teamleitung Vermögensverwaltung.

Der Kirchenkreis war in den Nachrichten: Worum geht es eigentlich? 

Kristin Schrömges: Der Kirchenkreis hat 2019 und 2021 im Rahmen seiner breit gestreuten Vermögensanlage einen bewusst klein gehaltenen Betrag in die Verius-Immobilienfonds angelegt. Diese Fonds sind in der Folge des abrupten Zinsanstiegs ab 2022 sowie gravierender Fehler des Fondsmanagers in eine schwere Schieflage geraten. Davon sind sehr viele institutionelle Anleger betroffen, von Krankenkassen über Pensionskassen bis zu kirchlichen Körperschaften.

Aufgrund der Wertminderung haben wir die zwei Finanzanlagen bereits 2023 aus kaufmännischer Vorsicht in voller Höhe abgeschrieben. Heute rechnen wir nicht mehr mit nennenswerten Rückflüssen. Der Vorgang ist seit Jahren aufgearbeitet, die zuständigen Gremien waren von Anfang an eingebunden und für die kirchliche Arbeit ist zu keiner Zeit ein Nachteil entstanden.  

Trotzdem die naheliegende Frage: Warum legt der Kirchenkreis überhaupt Geld am Kapitalmarkt an? Könnte das nicht einfach auf dem Konto liegen? 

Jan-Peter Haak: Unsere Verantwortung ist es, Vermögen real zu erhalten. Und das gelingt mit einem Sparkonto allein nicht: Inflation schmälert den Wert jedes Jahr und in der Niedrigzinsphase, in der die Anlage entstand, verlangten Banken für größere Einlagen sogar Negativzinsen. Nichtstun hätte damals bedeutet, zuzusehen, wie anvertraute Mittel Jahr für Jahr an Wert verlieren. Deshalb legen wir breit gestreut an: überwiegend konservativ, ergänzt um Beimischungen mit höheren Ertragschancen. Das ist kein Zocken, sondern seit Jahrzehnten der anerkannte Standard verantwortlicher Vermögensverwaltung, auch und gerade im kirchlichen Bereich.

Aber gehört zu höheren Ertragschancen nicht zwangsläufig höheres Risiko? 

Jan-Peter Haak: Ja und genau deshalb ist die Dosis entscheidend. Die Anlage machte einen Anteil von 0,8 Prozent unserer gesamten Geldvermögensanlagen aus. Das Prinzip der Streuung bedeutet beides: Einzelne Anlagen können im schlimmsten Fall ausfallen, aber weil keine einzelne Anlage das Gesamtvermögen gefährden kann, bleibt das Ganze stabil. So war es auch hier: Der Ausfall war schmerzhaft, aber mit Blick auf das große Ganze insoweit verkraftbar, als dass das Gesamtergebnis unserer Vermögensanlage positiv war. 

Was heißt das konkret für Gemeinden und Mitarbeitende? Fehlt jetzt irgendwo Geld?

Kristin Schrömges: Nein. Renten-, Pensions- und Versorgungsansprüche sind nicht betroffen, Zuweisungen und laufende Projekte ebenfalls nicht. Auch die Einlagen der Mandanten selbst wurden durch den Vorgang nicht berührt. Das Eigenkapital der Einheitskasse – die Schwankungsrücklage zur Vorsorge von Ausfall- und Marktpreisrisiken – wurde durch die Abschreibung belastet. Trotz der Abschreibung konnte die geplante Zinsausschüttung 2023 über dem Planzinssatz erfolgen. Der Vorgang wurde 2023 von den zuständigen Gremien behandelt, der Kirchenkreissynode berichtet und ist im Jahresabschluss der Einheitskasse vollständig verarbeitet.  

Eine kritische Nachfrage: Der Fonds vergab hochverzinste Darlehen an Bauträger. Passt so ein Investment zu den ethischen Anlagegrundsätzen der evangelischen Kirche, etwa dem EKD-Leitfaden für ethisch-nachhaltige Geldanlage? 

Propst Frie Bräsen: Die Anlage entsprach den damals geltenden kirchlichen Anlagerichtlinien. Inhaltlich floss das Geld in die Finanzierung von Immobilienprojekten, darunter auch Wohnungsbau. Zugleich werden bei unseren Anlageentscheidungen Nachhaltigkeits- und Ethikaspekte bereits seit vielen Jahren umfassend berücksichtigt. Der Leitfaden der Evangelischen Kirche in Deutschland zur ethisch-nachhaltigen Geldanlage macht deutlich, dass neben Sicherheit und Wirtschaftlichkeit auch die sozialen, ökologischen und langfristigen Wirkungen einer Kapitalanlage in den Blick genommen werden müssen. Gleichwohl bin ich überzeugt: Ethische Verantwortung ist kein Haken, den man einmal setzt, sondern ein fortlaufender Prozess, eine Haltung, die sich immer wieder neu bewähren muss. 

Mit anderen Worten: Zwischen dem berechtigten Ziel, anvertraute Mittel zu erhalten, und unserem ethischen Anspruch besteht eine Spannung, die immer wieder neu bewertet werden muss. Der vorliegende Fall hat uns daher nicht zu einem grundsätzlichen Umdenken veranlasst, wohl aber darin bestärkt, bestehende Prüfprozesse konsequent weiterzuentwickeln und noch genauer hinzusehen: nicht nur auf Rendite und Risiko, sondern auch auf die konkreten Wirkungen eines Finanzprodukts.

Hätte man das Risiko 2019 nicht erkennen müssen? 

Jan-Peter Haak: Die Entscheidung fiel damals auf Grundlage der vorliegenden Unterlagen, aufsichtsrechtlichen Einordnungen und Bewertungen. Das Wissen, dass diese Anlageform Risiken trägt, war genau der Grund, sie so eng zu begrenzen. Was 2019 niemand vorhergesehen hat, war die Kombination aus dem schnellsten und steilsten Zinsanstieg seit Jahrzehnten und dem darauffolgenden Einbruch des Immobilienmarkts. Hinzu kam das aus unserer Sicht unzureichende Management des Fonds. 

Trotzdem gilt: Wir bedauern, dass es zu diesem Verlust gekommen ist. Als Kirchenkreis tragen wir Verantwortung für die uns anvertrauten Mittel und dieser Verantwortung ist diese einzelne Anlage nicht gerecht geworden. 

Letzte Frage: Der Kirchenkreis hätte auf die Presseanfrage auch knapp oder gar nicht antworten können. Stattdessen haben Sie Zahlen und Fehler offen eingeräumt – und damit Negativschlagzeilen in Kauf genommen. Warum? 

Propst Frie Bräsen: Weil Schweigen die teurere Währung gewesen wäre. Kirche lebt von Vertrauen: von Menschen, die uns mit ihrer Kirchensteuer, ihren Spenden und ihrem Engagement etwas anvertrauen. Dieses Vertrauen verspielt man nicht durch einen Fehler, man verspielt es durch den Umgang damit. Wenn wir von anderen Institutionen Transparenz erwarten, müssen wir sie selbst zuerst leisten, auch und gerade dann, wenn es unbequem ist. Zu einer ehrlichen Fehlerkultur gehört, Dinge beim Namen zu nennen, sie aufzuarbeiten und daraus zu lernen, statt sie unter den Teppich zu kehren. Das ist im Kern übrigens nicht nur eine Frage der richtigen Kommunikationsstrategie, sondern vor allem eine Frage der Haltung: Wir müssen nicht so tun, als wären wir fehlerlos. Wir müssen ehrlich sein. Eine Schlagzeile übersteht man, verlorene Glaubwürdigkeit nicht. 

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